Hingehen und fragen
Lwiw, Worochta, Werchowyna — die Namen des Wegs ins Herzland der Huzulen
Abend, vor Sonnenuntergang. Vier Tage hier, und ich habe lange genug innegehalten, um zu sehen, wo ich gelandet bin.
Der Weg hierher waren drei Namen, und ich habe den Nachmittag damit verbracht, sie zu lesen.
Lwiw zuerst — die Stadt des Löwen, vor fast achthundert Jahren nach einem Königssohn benannt, ein Löwe in die alten Tore gehauen. Das Flachland. Von dort wendet sich der Zug nach Süden und beginnt zu steigen, das Pruttal hinauf, in die Berge.
In Worochta bin ich aus dem Zug gestiegen. Achthundertfünfzig Meter, am oberen Prut, nahe dem Jablunyzja-Pass, wo sich das Gebirge nach Transkarpatien öffnet. Ein steinerner Viadukt, von den Österreichern vor hundertdreißig Jahren gebaut, trägt die Strecke in einem langen Bogen über den Fluss, und dort enden die Gleise: die Höhe, zu der ich wollte, hat keine eigene Bahn.
Ich nenne diesen Ort für mich die Schwelle — der Pass, der Endbahnhof, das Ende des Zuges. Das ist meine Lesart des Ortes, nicht die Bedeutung seines Namens. Der Name ist älter und schlichter. Das Dorf ist nach einem Mann benannt; es heißt, er sei ein Deserteur gewesen, der sich als weise erwies, sodass die Leute, wenn sie nicht weiterwussten, zu sagen pflegten, sie gingen nach Worochta. Hingehen und fragen. Ein Name, der bedeutet: zu jemandem gehen — für das, was man selbst nicht sehen kann.
Dann Straße, nicht Schiene, über die Wasserscheide und hinab zum Schwarzen Tscheremosch. Werchowyna. Die Höhe. Bis 1962 hieß es Schabje — der Frosch, das Sumpfland — und dann benannten sie es nach dem, was es ist: der hohe Ort, der Kessel aus Hügeln, über dem kein Dorf mehr liegt. Das Herzland der Huzulen.
Rückwärts gelesen, ist der Weg fast ein Satz. Vom Löwen, zur Schwelle, wo man innehält und fragt, zur Höhe. Ich habe es nicht so geplant. Aber genau diesen Satz bin ich hergekommen, um ihn zu lernen. Eine Höhe erreicht man nicht mit Gewalt, und nicht allein. Man geht hinüber, und man fragt.
Die Huzulen haben diese Höhe durch jede Fahne gehalten, die über ihr aufgepflanzt wurde — Polen, Österreich, die Sowjetunion — und sie nennen den Rest des Landes noch immer Welyka Ukrajina, die Große Ukraine, als wären die Berge etwas für sich, zu dem zu gehören sie sich entschieden hätten. Sie haben ein Wort, toloka, für die Arbeit, die kein Haus allein schafft und die das Dorf gemeinsam tut. Der Boden hier ist nichts, was ein Fremder nimmt. Er ist etwas, worauf die eigenen Leute stehen und wofür sie einstehen.
Der Krieg ist hier, wie das Wetter hier ist. Männer aus diesen Dörfern sind an der Front. Familien aus dem Osten hat man aufgenommen. Er ist nicht das Thema. Er ist der Boden, auf dem das Thema steht.
Ich bin gekommen, um zu arbeiten. Die erste Arbeit ist, zu wissen, auf wessen Boden ich stehe.
Tag 4 — Räumen — Soil and Peace
Verkhovyna, Carpathian Mountains, Ukraine
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