Viktor
Aus Lviv, bevor die Ausgangssperre endet
04:02. Wach in Lviv. Um halb fünf aus der Tür.
Die Straßen waren leer. Ausgangssperre bis fünf — niemand ist vorher draußen, es sei denn, man hat einen Grund.
Ich hatte einen Grund. Eine Fahrkarte nach Vorokhta, und dahinter das Tal — Verkhovyna, das Kernland der Huzulen. Die Depesche brachte mich auf die Straße, bevor die Stadt erwachen durfte.
Dann, unterwegs, Bewegung. Andere, auf dem Weg zum selben Bahnhof.
Die Schaffnerin sprach Englisch. Sie prüfte meine Fahrkarte und brachte mich selbst zu meinem Platz.
Ein junger Mann stieg ein und nahm den Platz neben mir. Viktor. Aus Kiew. Er arbeitet in einem Eisenerzbergwerk. Er fuhr dorthin, wohin auch ich fuhr — nach Vorokhta, um seine Frau und sein Kind zu treffen. Zwei Wochen. Auszeit.
Wir hatten keine gemeinsame Sprache. Er war neugierig. Er wollte verstehen, und wir versuchten es. Er hatte ein Telefon, und das Telefon hatte einen Übersetzer. Was wir beide allein nicht konnten, tat das Telefon. Wir teilten unsere Geschichten.
Vorokhta. Endstation. Alle raus.
Ich verabschiedete mich von Viktor und suchte den Bus nach Verkhovyna.
Seine Frau und sein Sohn warteten auf ihn. Vielleicht hatte er sie lange nicht gesehen. Trotzdem kam er und stellte sich neben mich — um sicherzugehen, dass ich an der richtigen Haltestelle stand. Dann wartete er mit mir.
Kein Bus. Wir warteten. Kein Bus.
Ein Kleinbus hielt an, um Leute aussteigen zu lassen. Viktor fragte den Fahrer, in welche Richtung er fuhr. Verkhovyna. Ich sagte ja — ich wollte nicht länger warten. Ich griff nach meinen Taschen.
Bevor ich zahlen konnte, bevor ich ein Wort sagen konnte, hatte Viktor schon alles geregelt. Alles. Umsonst. — bedingungslos —
Viktor — die Zukunft der Ukraine.
Dank Viktor kam ich in Verkhovyna an — heil und gesund, und pünktlich. Ich überschritt die Schwelle ins Gebiet der Huzulen.
Der Tag endete in Zhyva Khata. Ein Mädchen, sechs Jahre alt, lief draußen umher, kurz vor Sonnenuntergang, und sang — so laut und so leise, wie sie konnte, ein Echo in den Bergen.
Ich schlief ein, wissend.
Day 3 — Räumen — Soil and Peace
Verkhovyna, Carpathian Mountains, Ukraine
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